Geschichten aus dem Dedenbacher Ländchen

 

Die hartherzige Nonne


In der Nähe der neuen Brücke an der Straße von Dedenbach nach Waldorf, dort wo die Nebenstraße nach Königsfeld abzweigt, soll in alten Zeiten ein Kloster gestanden haben. Ältere Leute wollen noch mit Bestimmtheit wissen, dass der Brunnen dieser klösterlichen Niederlassung noch bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts teilweise erhalten war. Die Einwohner von Dedenbach glauben auch heute noch zu wissen, dass die Felder, auf denen jenes Kloster gestanden habe, weit größere Erträge brächten, als die umliegenden Ackerparzellen.

In den stillen Mauern des Klosters soll seinerzeit eine Nonne gelebt haben, die als besonders geizig und hartherzig bekannt war. Armen und Notleidenden, die sie um eine Gabe anflehten und ihre Mildtätigkeit ansprachen, wies sie unbarmherzig von der Klosterschwelle. So bildete ihre bis ans Widerwärtige grenzende Habsucht bald das Tagesgespräch in den umliegenden, mit Glücksgütern wenig gesegneten Orten und Gehöften.

Eines Morgens früh kam ein Dedenbacher Einwohner die genannte Straße entlang. Als er in die Nähe der Brücke kam, sah er zu seinem größten Erstaunen und Schrecken eine Frau in Klosterkleidung auf einer Geldkiste sitzen. Sie bat ihn inständig und flehentlich, er möge die Kiste, in welcher auf alle mögliche Art und Weise zusammen gescharrte Schätze enthalten seien, öffnen und sie dadurch erlösen. Der Schlüssel, so fügte sie zitternd hinzu, läge unter der Kiste. Im Überschwange der auf sie einstürmenden Reueempfindungen hatte die Nonne jedoch vergessen, dem ratlos dastehenden Mann mitzuteilen, der Schlüssel werde von einer Schlange bewacht und diese sei ängstlich bemüht, denselben in Gewahrsam zu halten.

Und wirklich, so oft sich er Mann bemühte, den Schlüssel an sich zu bringen, schoss das wütende Reptil unter der Kiste heraus und zeigte dem erschreckt Zurückweichenden die langen Giftzähne. Alle Versuche, die Schlange abzuwehren und den Schlüssel zu fassen schlugen fehl. Inzwischen läutete im nahen Dedenbach die Morgenglocke. Tränen stürzten der unglücklichen Nonne aus den Augen und mit einem heftigen Schluchzen bedeutete sie dem schlichten Landmann, ihre Erlösung läge jetzt in weiter, weiter Ferne. Eine Krähe werde eine Eichel bringen und sie an dieser Stelle fallen lassen. Aus der aus der Eichel erwachsenden Eiche werde später eine Wiege verarbeitet und das erste Kind, das in dieser aus den Eichenbrettern hergestellten Wiege die ersten Jugendtage verbringe, werde, wenn es erwachsen sei, den Fluch von ihr nehmen. 

 


 

Die feurigen Kutschen

Von dem sagenumwobenen Kloster führte eine mit Weißwacke gepflasterte Straße durch ein Stück Dedenbacher Gemarkung, am Weißen Stein vorbei nach Königsfeld. Sehr wahrscheinlich berührte diese Straße in ihrer Fortsetzung auf Königsfelder Gerechtsame die Königsfelder Burg, die zur nahen Burg Olbrück mancherlei Beziehung hatte. Auf dieser Straße fährt um Mitternacht in rasendem Tempo eine feurige Kutsche. Ein alter Schäfer, der am sogenannten „Gäßkopf“ des Nachts seine Herde bewachte, will sie bestimmt gesehen haben.
Die Dedenbacher sprechen es den guten Geistern zu, die diese Kutsche lenken, dass die Landstrecke, die sie befahren reich gesegnet ist und besonders gute Erträge bringt.

Eine zweite feurige Kutsche fährt in manchen Nächten von der Burg Olbrück am Rodder Maar vorbei über Dedenbach nach Königsfeld. Zwei Dedenbacher Männer haben sie unter eigenartigen Umständen und Begleiterscheinungen gesehen. Am Allerheiligenabend, der noch heute mit vielen Spuk – und Geistergeschichten in Verbindung gebracht wird, gingen sie von Königsfeld nach Hause. Unweit des „Seifens“ hörten sie einen Wagen rollen. Froh, noch zu so später Stunde Gesellschaft zu erhalten und möglicherweise gefahren zu werden, eilten sie auf das vermeintliche Fuhrwerk zu. Bestürzung und Schrecken erfasste sie jedoch, als sie, wie aus dem Boden gewachsen, plötzlich eine glühend feurige Fuhre an sich vorbeirasen sahen. Rot-grüne Lichter tanzten auf dem Weg und im betäubenden Gerassel der gespenstischen Kutsche erstarb ihnen das Wort auf den blassen Lippen. Der eine flüchtete mit gellendem Schrei feldeinwärts, der andere stand wie erstarrt und gelähmt und konnte lange nicht von der Stelle. Im besten Mannesalter stehend war er in jener verhängnisvollen Nacht, aller Welt sichtbar, zum Greise geworden.

Die Bevölkerung will wissen, das nach dem Brand der so genannten „Maarhöff“, dem Gehöft am Rodder Maar auf der Höhe von Niederdürenbach, erbaute Haus am Eingang zum großen Maar habe man deshalb am Verbindungsweg Niederdürenbach-Dedenbach gebaut, um die glühende Kutsche von diesem Weg abzulenken oder ihr den Weg ganz zu versperren.

 


 

Der Burgherr von Königsfeld

wollte den Bewohnern von Dedenbach einen Flurteil, genannt den „Mauel“ gewaltsam wegnehmen und ihn seinem Besitztum angliedern. Wie nicht anders zu erwarten, stieß dies auf den Unmut der Dedenbacher Bevölkerung. Aus Furcht vor dem despotisch veranlagten Burgherrn aber wagte sich lange Zeit kein Mensch, ihn auf das Unrecht seines Handelns aufmerksam zu machen.
Schließlich übernahm eine alte, schon etwas kindisch gewordene Jungfrau den für die damalige Zeit immerhin recht gefährlichen Auftrag, den Allgewaltigen von seinem rechtswidrigen Begehren abzubringen.
Um ihn einzuschüchtern und ihre Vorstellungen eindringlicher zu gestalten, drohte sie ihm mit einer nächtlichen Fahrt in der feurigen Kutsche. Diese Androhung soll genügt haben, den Burgherrn von seinem Vorhaben endgültig abzubringen.

 


 

Der Gespensterhund

Ein großer Hund mit glühenden Augen war im Dedenbacher Ländchen lange Zeit das Schreckgespenst unartiger Kinder. Er ging am Dorfbach um und wurde wegen seines unförmigen, dicken Kopfes allgemein der Dorfmops genannt. Bis heute hat sich ein hübsches Sprüchlein erhalten, welches an diese Mär erinnert und das im Dedenbacher Dialekt folgenden Wortlaut hat:

Et kömmbt des Dausch heruff,
jewatsch unn jewatsch.
Et üs jewiß de Dorfmops....

Quelle: Leisen, Chronik Dedenbach